Quelle: F.A.Z. Feuilleton - Dienstag, 3. 5. 1994, Seite 35
Scharping ist Siddhartha*
Und seine SPD-Kultur schmeckt wie eine Kalbshaxe

[…] Was außer der Fähigkeit, Texte auf einem Computer zu tippen, mit der "Medienkompetenz" gemeint war, blieb dunkel. Wahrscheinlich gehört der Führerschein für "Datenautobahnen" dazu, auf denen offenbar kein Tempolimit gilt. Nicht abendländische Werte seien in der Schule zu vermitteln, forderte Bolz, sondern Media literacy. Heutzutage muß es ja Englisch sein. Bolz legt jedes Jahr ein Buch vor, in dem er den Tod des Buches bekanntgibt. Sein neuestes Opus war als Vorbereitungslektüre an die Teilnehmer verteilt worden. Eine seiner jüngeren Schriften plädiert dafür, "das Debakel des sexuellen Rapports durch die narzißtisch reibungslose Synergetik Mensch-Maschine" zu ersetzen. Das sei "als Medienonanie nur dem verächtlich, der immer noch glaubt, es gäbe sexuelle Beziehungen zwischen Frauen und Männern". Leider setzte Bolz diese Aufklärung über die Medienkompetenz, die recht eigentlich Medienpotenz heißen sollte, in Bonn nicht fort.

Sein Kollege Jochen Hörisch von der Universität Mannheim sprang ein. Der Gelehrte legte dar, die Medienkompetenz der Arbeiter sei größer als die der Intellektuellen. "Die Videosammlung eines arbeitslosen Arbeiters im Ruhrpott: Da können wir nicht mit." Die Übertreibung - der Arbeiter muß auch noch arbeitslos sein - und das Klischee - der Ruhrpott - entlarven das Exemplum als kitschiges Idyll. Der kompetente Arbeiter, der vor dem Videogerät seinem Basic instinct folgt: die letzte Inkarnation des edlen Wilden. Von den Barbaren erhofft Hörisch eine Regeneration der Sozialdemokratie. Die Kulturkritik eines Hartmut von Hentig sei "zu bildungsbürgerlich". Wenn die SPD sich an Bolz halte, könne sie "Wählerschaften halten, die wegbrechen, vom Ingenieur zum Besitzer einer Videothek". Hat Bolz eine Karriere als Wählermagnet auf Karaoke-Parties vor sich? Sein sonnengegerbtes Gesicht sieht aus, als habe er gerade die "Camel Trophy" gewonnen. Es steht gut um seine Kompetenz als Terminator der Philosophiegeschichte.

Die wackeren Kulturarbeiter erlitten einen Schock. Der Filmvertreter verteidigte empört den Film, und der Theatervertreter verteidigte empört das Theater. Glotz, in der Arbeit der Zuspitzung grau geworden, hob noch einmal die Hand gegen den erweiterten Kulturbegriff. Es müsse einen deutschen Film geben, denn "ein Land sollte die Fähigkeit behalten, seine eigenen Geschichten zu erzählen". Hörisch nahm ihm die Skrupel. "Ich habe über Frühromantik promoviert und über den Bildungsroman habilitiert." Er ist Professor, so mußte man das verstehen, er darf die alten Medien zur Verschrottung freigeben. Nach einer Theologie, die nicht an Gott glaubt, hat die deutsche Universität nun eine Philologie hervorgebracht, die nicht an die Literatur glaubt. Auch hier folgt auf die Tragödie die Farce. […]

Patrick Bahners

 


*Siddhartha: weltl. Name Buddhas